← Medien & Presse
Eröffnungsrede · TEDxMarten Women 2026

Stimmen
der Vielfalt.

Schauburg Dortmund
Rede von Shary Reeves

Guten Morgen und herzlich willkommen bei TEDxMarten Women hier in der Schauburg in Dortmund.

Ich darf diesen Tag eröffnen, und das Motto lautet „Stimmen der Vielfalt“. Ein schönes Motto.

Und theoretisch sind wir inzwischen auch alle wahnsinnig für Vielfalt. Unternehmen lieben Vielfalt. Institutionen lieben Vielfalt. Die Politik liebt Vielfalt. Wir lieben Vielfalt so sehr, dass wir mittlerweile Strategien, Leitbilder, Beauftragte, Workshops und PowerPoint-Präsentationen dafür haben.

Schwierig wird es traditionell erst, wenn die vielfältigen Menschen anfangen, unterschiedliche Meinungen zu haben. Denn Vielfalt bedeutet leider nicht: Alle sehen verschieden aus und finden mich gut.

Das wäre keine Vielfalt. Das wäre Instagram.

Heute stehen hier Menschen auf der Bühne, die ihre persönlichen Geschichten erzählen. Es geht um Herausforderungen, Mut, Identität und Erfahrungen, die ein Leben prägen. Es geht um Integration, gesellschaftliche Teilhabe und Chancengerechtigkeit. Um Führung, Nachhaltigkeit, Strukturwandel und Klimaschutz.

Also praktisch um die Frage, wie wir künftig miteinander leben wollen. Eine Kleinigkeit für einen Samstag.

Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Diese großen gesellschaftlichen Fragen existieren ja nicht irgendwo abstrakt in Strategiepapieren. Sie landen irgendwann bei echten Menschen. In deren Leben. In deren Familien. Bei der Arbeit. In Schulen. In Unternehmen. In Städten. Und manchmal vor verschlossenen Türen.

Dann kommen wir sehr schnell bei einem meiner Lieblingsbegriffe an: Chancengerechtigkeit. Auch ein wunderschönes Wort.

Chancengerechtigkeit bedeutet vereinfacht gesagt: Es wäre ganz schön, wenn nicht schon bei deiner Geburt feststünde, wie viele Türen später automatisch für dich aufgehen - und bei wie vielen du dir anhören darfst, du müsstest einfach selbstbewusster klopfen.

Wir haben dafür inzwischen eine großartige gesellschaftliche Lösung gefunden: Empowerment. Wir ändern nicht unbedingt die Strukturen. Wir empowern erst mal die Menschen, die darunter leiden.

Tür abgeschlossen? Arbeite an deinem Mindset. Keine Aufstiegschancen? Sei mutiger. Du wirst nicht gesehen? Mach dich sichtbar.

Und wenn das alles nicht funktioniert, gibt es garantiert irgendwo eine Masterclass für 2.799 Euro, in der dir jemand mit sehr weißen Zähnen erklärt, dass du dich einfach noch nicht entschieden genug für deinen Erfolg entschieden hast.

So lässt sich strukturelle Ungleichheit natürlich auch lösen. Zumindest für den Anbieter der Masterclass.

Dabei ist Empowerment etwas viel Ernsteres. Es bedeutet, Menschen tatsächlich in die Lage zu versetzen, ihre Möglichkeiten wahrzunehmen. Und dazu gehört persönlicher Mut genauso wie die Frage, welche Bedingungen eine Gesellschaft schafft.

Denn wir können Menschen nicht permanent erklären, sie könnten alles erreichen, während wir gleichzeitig einige von ihnen mit dem Fahrstuhl nach oben schicken und den anderen zurufen: „Treppensteigen stärkt den Charakter!“

Und genau deshalb ist Sichtbarkeit so wichtig. Die heutige TEDxWomen-Initiative rückt bewusst die Perspektiven von Frauen und unterrepräsentierten Stimmen in den Mittelpunkt.

Nicht, weil Frauen eine seltene Minderheit wären. Wir haben nachgezählt. Es sind einige. Sondern weil gesellschaftliche Sichtbarkeit und gesellschaftliche Macht erstaunlicherweise nicht automatisch proportional zur Bevölkerungszahl verteilt werden.

Und Vorbilder spielen dabei eine enorme Rolle.

Wir brauchen allerdings keine weiteren menschlichen Hochglanzbroschüren. Keine Menschen, bei denen im Rückblick jede Krise plötzlich eine „transformative Erfahrung“ war, jede Niederlage eine „Chance“ und jeder komplette Zusammenbruch „der Moment, in dem ich endlich bei mir angekommen bin“.

Manchmal war die Krise einfach scheiße. Manchmal war die Entscheidung falsch. Manchmal hat man keine wertvolle Lektion gelernt, sondern erst einmal drei Monate schlecht geschlafen.

Und trotzdem geht es weiter. Das interessiert mich an echten Geschichten.

Nicht Perfektion. Möglichkeit.

Denn wenn jemand sichtbar einen Weg geht, den ich für mich selbst bisher nicht gesehen habe, verändert sich etwas.

Vielleicht sitzt heute jemand hier und hört einer dieser Geschichten zu und denkt plötzlich: Moment. Warum eigentlich nicht ich?

Dieser eine Gedanke kann verdammt viel verändern.

Und damit sind wir mitten in gesellschaftlicher Teilhabe. Teilhabe bedeutet nämlich nicht, dass alle theoretisch mitmachen dürfen. Theoretisch dürfen auch alle Millionär werden. Die praktische Verteilung der Millionen lässt gewisse Unregelmäßigkeiten erkennen.

Teilhabe beginnt dort, wo Menschen nicht nur eingeladen werden, sondern tatsächlich mitreden, mitgestalten und mitentscheiden können.

Und das betrifft auch Führung.

Wir sprechen heute über moderne Führungsansätze, und vielleicht können wir bei der Gelegenheit einen kleinen Irrtum beerdigen: Führung bedeutet nicht, als Erster in den Raum zu kommen, als Letzter Zweifel zuzugeben und dazwischen möglichst viele englische Substantive zu benutzen.

Leadership. Performance. Transformation. Impact.

Vier Wörter, und schon klingt selbst Ratlosigkeit nach Vorstandssitzung.

Führung zeigt sich auch darin, andere Stimmen auszuhalten. Verantwortung zu übernehmen. Entscheidungen zu treffen und trotzdem zu wissen, dass die eigene Perspektive nicht automatisch die vollständige Weltbeschreibung ist.

Und gerade hier im Ruhrgebiet gehört zu diesem Tag noch ein weiteres Thema: Strukturwandel.

Eine Region, die Strukturwandel erlebt, weiß ziemlich genau, dass Veränderung etwas anderes ist als ein neues Logo mit dem Wort „Transformation“ darunter.

Wenn Strukturen sich verändern, verändern sich Arbeitsplätze, Städte, Biografien und Sicherheiten.

Und während auf Kongressen schon über die Zukunft gesprochen wird, sitzt irgendwo ein Mensch und fragt sich, wie seine persönliche Zukunft nächsten Monat aussieht.

Dasselbe gilt für Nachhaltigkeit und Klimaschutz.

Auch hier reden wir gern in großen Begriffen. Transformation. Klimaneutralität. Zukunftsfähigkeit. Klingt alles hervorragend.

Die Atmosphäre zeigt sich bislang allerdings bemerkenswert unbeeindruckt von unseren PowerPoint-Präsentationen.

Deshalb sind konkrete Ideen entscheidend.

Und genau darum geht es heute: Menschen bringen Erfahrungen, Perspektiven und Ideen in einen gemeinsamen Raum. Nicht damit am Ende alle einer Meinung sind, sondern damit wir mehr sehen als vorher.

Und so ein Tag entsteht nicht durch Manifestation. Er entsteht, weil Menschen arbeiten.

Deshalb gilt mein ausdrücklicher Dank Stephanie Makole, dem gesamten TEDxMarten-Women-Team, allen Helferinnen und Helfern sowie allen Partnerinnen und Partnern.

Ihr organisiert, plant, koordiniert, baut auf, löst Probleme und beantwortet vermutlich seit Wochen Nachrichten, die mit den Worten beginnen: „Ich habe nur noch eine ganz kurze Frage.“

Wir wissen alle: Danach kommt nie eine kurze Frage.

Danke für eure Zeit, eure Energie und euren Einsatz.

Und Ihnen allen hier im Saal wünsche ich heute vor allem eines: Hören Sie zu. Nicht nur den Geschichten, die bestätigen, was Sie ohnehin schon denken. Hören Sie auch dort hin, wo es unbequem wird. Wo Sie widersprechen wollen. Wo eine Erfahrung nicht zu Ihrer eigenen passt.

Denn vielleicht ist Vielfalt genau das: nicht die beruhigende Gewissheit, dass wir alle verschieden sind, sondern die Zumutung, dass wir diese Verschiedenheit anschließend auch aushalten müssen.

Sie müssen heute Abend übrigens nicht als vollkommen neuer Mensch nach Hause gehen. Bitte nicht. Sonst erkennt Sie Ihre Familie nicht wieder, und wir haben das nächste gesellschaftliche Problem.

Es reicht völlig, wenn Sie einen Gedanken mitnehmen. Eine Perspektive, die vorher nicht da war. Eine Frage. Eine Idee. Oder vielleicht diesen einen Satz:

Warum eigentlich nicht ich?

Denn Stimmen verändern nicht automatisch die Welt. Aber solange Menschen keine Stimme bekommen, können wir ziemlich sicher noch weitere zwanzig Jahre Konferenzen darüber veranstalten, warum sich so wenig verändert.

Und dafür ist das Leben dann doch ein bisschen zu kurz.

Ich wünsche uns einen klugen, streitbaren, überraschenden und gern auch unbequemen Tag, starke Geschichten, offene Ohren und möglichst wenig Geschwurbel.

Herzlich willkommen bei TEDxMarten Women 2026.

Bühne frei.

← Zurück zu Medien & Presse